IM GESPRÄCH MIT…
Prof. Holger Watter
Hochschule Flensburg
Energie auf See: Wie wir Klimaziele und Betriebssicherheit zusammenbringen
Die Klimadringlichkeit ist real und die Schifffahrt steht vor der Aufgabe, Emissionen zu senken, ohne Verlässlichkeit und Sicherheit im Betrieb zu verlieren. Neben alternativen Kraftstoffen und Effizienzmaßnahmen werden daher auch nukleare Konzepte diskutiert: Befürworter verweisen auf eine hohe Energiedichte und lange Betriebszyklen, Kritiker auf Fragen von Sicherheit, Regulierung und Akzeptanz. Vor diesem Hintergrund erläutert Prof. Dr.-Ing. Holger Watter von der Hochschule Flensburg im Gespräch mit Bureau Veritas seine Sicht auf die Debatte: Er sieht die größten Hürden derzeit weniger in der Technologie selbst als in belastbaren Rahmenbedingungen und in der Art, wie die Debatte geführt wird.
Herr Prof. Watter, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Energiesystemen. Woher kommt Ihr Interesse an diesem Thema?
Prof. Holger Watter: Ich bin in den 1970er Jahren aufgewachsen – mit Ölkrise und der Schneekatastrophe 1978/79. Wer erlebt hat, was es bedeutet, wenn Energieversorgung im Alltag nicht verlässlich ist, entwickelt eine andere Wertschätzung dafür. Diese Erfahrung ist der Grund, warum ich mich als Hochschullehrer seit vielen Jahren mit Energiesystemen befasse und warum ich Verlässlichkeit und Verfügbarkeit dabei konsequent mitdenke.
Sie betonen immer wieder die Bedeutung von Verfügbarkeit. Warum ist dieser Aspekt für Sie so wichtig?
Watter: Verfügbarkeit bedeutet, dass Energie dann bereitsteht, wenn sie gebraucht wird. Deshalb reicht es aus meiner Sicht nicht aus, nur auf die installierte Leistung zu schauen. Entscheidend ist, ob ein System den tatsächlichen Bedarf zuverlässig decken kann.
In der Schifffahrt ist diese Herangehensweise selbstverständlich. Wir betrachten Systeme nicht nur unter Idealbedingungen, sondern fragen, ob sie auch dann funktionieren, wenn die Bedingungen ungünstig sind. Ein Schiff muss auf dem Atlantik fahren können, egal wie die Welle ist. Deshalb beschäftige ich mich auch so intensiv mit dem Lastgang. Er macht sichtbar, wie viel Leistung tatsächlich benötigt wird und ob sie in diesem Moment auch verfügbar ist. Für mich ist das ein zentraler Maßstab bei der Bewertung von Energiesystemen.
Sie sagen, die größten Hürden für nukleare Konzepte liegen derzeit nicht in der Technik. Können Sie das genauer erläutern?
Watter: Aus meiner Sicht ist das Thema vor allem eine gesellschaftliche und kommunikative Herausforderung – nicht primär eine technologische. Die Debatte ist häufig emotionalisiert; physikalische und volkswirtschaftliche Zusammenhänge werden zu selten sauber erklärt und voneinander getrennt. Dadurch wird häufig über einzelne Technologien diskutiert, bevor überhaupt Einigkeit darüber besteht, welches Problem gelöst werden soll und welche Anforderungen erfüllt werden müssen. Ohne ein gemeinsames Verständnis der Ausgangslage und belastbare Rahmenbedingungen bringt uns die Diskussion jedoch nicht weiter.
Welche Voraussetzungen braucht es, damit aus Forschung und Konzepten konkrete Anwendungen werden können?
Watter: Es braucht mehr Realitätsbezug. Bevor wir uns auf einzelne Technologien festlegen, sollten wir offen prüfen, welche Lösungen die Anforderungen wirklich erfüllen und wo Annahmen zu optimistisch sind, wenn man Verfügbarkeit und Betrieb ehrlich mitrechnet. Gleichzeitig halte ich es für wichtig, Alternativen nicht reflexhaft auszuschließen. Wenn ein Ansatz allein nicht reicht, müssen ergänzende Optionen ernsthaft mit auf den Tisch. Am Ende sollten wir Entscheidungen konsequent an Physik, Umsetzbarkeit und den tatsächlichen Systemkosten rückkoppeln, damit daraus belastbare Projekt- und Investitionsentscheidungen werden.
Welche Rolle können Klassifikation, Standards und unabhängige Prüfungen dabei spielen?
Watter: Wenn Projekte konkret werden, wird aus der Debatte schnell eine Frage von Anforderungen, Nachweisen und Vertrauen. Standards und unabhängige Prüfung helfen dabei, Sicherheitsanforderungen so zu fassen, dass sie überprüfbar werden und dass nachvollziehbar ist, warum bestimmte Schritte erforderlich sind. Gerade bei einem sensiblen Thema wie der Nukleartechnologie können belastbare Nachweise und klar definierte Verantwortlichkeiten dazu beitragen, Diskussionen zu versachlichen und Vertrauen aufzubauen.