Markus Joswig

IM GESPRÄCH MIT…
 
Markus Joswig, Geschäftsführer der PIA GmbH
 

Neue Regularien zur Abwasserbehandlung in der Seeschifffahrt


Was tun mit dem Abwasser auf hoher See? Auch wenn man sich mit dieser Frage schon in den 1970er Jahren auseinandergesetzt und erste Regeln festlegt hatte, ist seitdem nicht mehr viel passiert. Nun aber heißt es endlich: „Butter bei die Fische“. Bei der Entstehung und Umsetzung effektiver Anforderungen an die Abwasserbehandlung auf Schiffen unterstützt Bureau Veritas Marine & Offshore in Zusammenarbeit mit dem Prüfinstitut für Abwassertechnik (PIA) bei der Entwicklung der dringend benötigten neuen Regularien. 


Markus Joswig, Geschäftsführer der PIA GmbH, gibt uns Einblicke in den Status Quo und verrät uns im Gespräch, wie sich die Seeschifffahrt zu „sauberen Ufern“ aufmacht.


Herr Joswig, warum ist die Abwasserbehandlung auf See ein so zentrales Thema?

Markus Joswig: Die Meere sind unsere Lebensgrundlage, und eine nachhaltige Schifffahrt ist essenziell, um sie zu schützen. Bereits in den 1970er-Jahren wurden durch die MARPOL-Konvention erste Regeln zur Einleitung von Abwasser in die Meere festgelegt, doch seitdem hat sich viel verändert. Insbesondere die Anzahl und Größe von Kreuzfahrtschiffen und Frachtern sind enorm gestiegen. Die bestehenden Regularien reichen nicht mehr aus, um die heutigen Herausforderungen zu bewältigen. Besonders brisant: Mehrere Studien haben gezeigt, dass die auf den Schiffen bislang verbauten Anlagen und deren Betriebsweise dazu geführt haben, dass jahrelang unzureichend geklärtes Abwasser in die Meeresumwelt geleitet wurde. 

Welche Hürden gibt es derzeit in der Abwasserbehandlung an Bord?

Joswig: Ein großes Problem ist, dass die aktuellen Vorschriften auf Annahmen basieren, die in der Praxis oft nicht standhalten. Eine Kläranlage an Bord muss unter unterschiedlichen Bedingungen funktionieren: Variierende Abwasserzusammensetzungen, Temperaturschwankungen und die Bewegung des Schiffes stellen große Herausforderungen dar. Hinzu kommt, dass die Anlagen bislang nur an Land getestet und zugelassen werden – unter Bedingungen, die wenig mit dem rauen Bordalltag gemein haben. Eine weitergehende Kontrolle, ob die Systeme tatsächlich an Bord effizient arbeiten, findet bisher kaum statt. In der Vergangenheit wurde meist nur kontrolliert, ob eine Anlage installiert ist, nicht aber, wie gut sie wirklich funktioniert.

Wie bringt sich die PIA GmbH in die Weiterentwicklung der Abwasser-Regularien ein?

Joswig: Die Aufgaben gehen weit über die reine Prüfung der Anlagen hinaus. it Bureau Veritas und weiteren Akteuren setzen wir die Segel für realistische und praktikable Standards in der Abwasserbehandlung an Bord: Als Prüfinstitut für Abwassertechnik analysieren wir, wie bestehende Systeme verbessert werden können, und bringen unser Wissen aktiv in internationale Gremien ein. Und weil wir als Berater der deutschen Delegation bei den Sitzungen der International Maritime Organization (IMO) involviert sind, können wir dort direkt auf notwendige Anpassungen für einen langfristigen Schutz der maritimen Umwelt hinweisen. Mehrere Länder, darunter Norwegen, die EU und UK treiben das Thema mit uns voran.  


Langfristigkeit ist ein gutes Stichwort. Wie wird sichergestellt, dass alle Maßnahmen nachhaltig sind? Welche Fortschritte konnten Sie in den letzten Jahren beobachten?

Joswig: Es wurden einige wichtige Meilensteine erreicht. Ein Beispiel ist die aktuelle Überarbeitung des entsprechenden Teils der MARPOL-Konvention (Anlage IV) und der zugehörigen MEPC-Richtlinien. So soll in Zukunft systematisch kontrolliert werden, ob die Kläranlagen im Betrieb an Bord verlässlich funktionieren. Bureau Veritas stellt als Klassifikationsgesellschaft, RO (Recognized Organisation) und Konformitätsbewertungsstelle (Notified Body) unter der Schiffsausrüstungsrichtlinie die entsprechenden Zertifikate aus, wie z.B. das ISPPC (International Sewage Pollution Prevention Certificate), und prüft, dass alle MARPOL-Vorgaben eingehalten werden. Die dafür notwendigen Untersuchungen und Beprobungen an Bord sowie die Tests für die Type Approvals, also für die Typenzulassungen, werden wiederum von der PIA GmbH angeboten. Dies beinhaltet auch die in Zukunft geforderten sogenannten Commissioning Tests, die Inbetriebnahmeprüfungen. Inwieweit die neuen Anforderungen der MARPOL-Konvention auch die bereits bestehenden Installationen auf Schiffen betreffen werden, ist aktuell noch in der Diskussion.

Wird es auch Sanktionen für Reedereien geben, die sich nicht an die neuen Vorgaben halten?

Joswig: Die Wasserschutzpolizei in Deutschland führt regelmäßig Schwerpunktkontrollen durch, um Verstöße gegen Umweltauflagen auf Schiffen zu ahnden. Dabei überprüfen die geschulten Ermittler, ob die Anlagen zur Abwasserbehandlung und die Einleitung des behandelten oder unbehandelten Abwassers den rechtlichen Vorgaben entsprechen. Werden Mängel oder Verstöße festgestellt, kann zusätzlich die Dienststelle Schiffssicherheit der BG-Verkehr im Rahmen der Hafenstaatkontrolle (Port State Control, kurz PSC), hinzugezogen werden und weitere Maßnahmen ergreifen. Diese reichen von Sicherheitsleistungen über Auflagen bis hin zum Festsetzen des Schiffes – je nach dessen Gesamtzustand. Bis jetzt ist lediglich vorgeschrieben, dass eine zugelassene Anlage an Bord vorhanden sein und betrieben werden muss. Künftig werden auch die weitergehenden Anforderungen an den Betrieb, Wartung und die Funktionsfähigkeit an Bord gestellt. Doch Verstöße können bereits jetzt Bußgelder, Strafanzeigen oder sogar ein Fahrverbot nach sich ziehen. Die Kontrollen werden in Zukunft also weiter an Bedeutung gewinnen.

Wie komplex ist der Prozess zur Einführung neuer Regularien auf internationaler Ebene?

Joswig: Das ist ein langwieriger und anspruchsvoller Prozess. Die IMO hat aktuell über 170 stimmberechtige Vollmitglieder. Daher vergehen zwischen einem Vorschlag, der weiteren Ausarbeitung und der Umsetzung oft Jahre. Die Änderungen der Prüfvorschriften für Abwasseranlagen sind ein gutes Beispiel: Es hat viele Jahre gedauert, bis das Thema in die relevanten Ausschüsse aufgenommen und schließlich auch bearbeitet wurde. Erst nach mehreren Sitzungsrunden wurden konkrete Anpassungen beschlossen. So hat es in Vergangenheit drei Jahrzehnte gedauert, bis die Anforderungen in MARPOL Anlage IV im Jahr 2003 in Kraft getreten sind. Jetzt stehen wir endlich kurz davor, dass diese Anforderungen grundlegend überarbeitet werden und an die aktuellen Herausforderungen angepasst werden. 

Das sind gute Neuigkeiten. Welche konkreten Maßnahmen sind geplant?

Joswig: Neben der landseitigen Zulassung wird auch die Funktionstüchtigkeit nach Inbetriebnahme getestet sowie der reale Betrieb auf See regelmäßig überprüft. Es wird erstmals Grenzwerte geben für den Betrieb an Bord. Die Kontrolle erfolgt durch gezielte Inspektionen von BV, aber auch beispielsweise durch die Wasserschutzpolizei. All dies soll sicherstellen, dass die Systeme in der Praxis wirklich effektiv arbeiten. Ehe die Anlagen in Betrieb gehen, setzen wir uns aber schon dafür ein, dass unabhängige Prüfinstanzen (Test Facilities) – und nicht nur die Hersteller selbst – die Baumusterprüfung durchführen. 

Bei Kläranlagen an Bord geht es nicht um Schwarz oder Weiß, sondern um Schwarz oder Grau, genauer um Schwarzwasser, Grauwasser. Wie wird mit dieser Unterscheidung umgegangen?

Joswig: Ja, das ist die richtig. Die Unterscheidung ist ganz wesentlich. Werfen wir nochmal ein Blick zurück: Die aktuellen Abwasservorschriften für Schiffe stammen noch aus den 1970er Jahren und konzentrieren sich vor allem auf stark belastetes Schwarzwasser aus Toiletten. Grauwasser – also Abwasser aus Duschen, Waschbecken oder Küchen – bleibt bislang unreguliert, obwohl es mengenmäßig überwiegt und beide Wassertypen in Summe, aber eben nur in Summe eine ähnliche Schadstofffracht enthalten. Da biologische Kläranlagen an Bord mit reinem Schwarzwasser nicht effizient arbeiten können, wird Grauwasser oft zur Konditionierung genutzt. Viele Schiffe umgehen jedoch aufwendige Behandlungen, indem sie nur kleine, vorgeschriebene Anlagen für Schwarzwasser betreiben und Grauwasser ungefiltert ins Meer leiten. Experten fordern daher eine Regulierung auch für Grauwasser, um die Umweltbelastung zu reduzieren. Erste Vorschläge werden bereits auf internationaler Ebene diskutiert. Doch wir sollten geduldig ein Problem nach dem anderen lösen. Wenn wir nun auch über die Grauwasser zu besprechen beginnen, wird der Prozess sich weiter verlangsamen. Daher ist die Fokussierung auf neue Regularien zum Umgang mit Schwarzwasser der logische nächste Schritt. 

Wie wird sich die maritime Industrie darauf einstellen müssen?

Joswig: Die Anpassung an die neuen Regularien erfordern Investitionen – besonders von Reedern, die bisher auf günstige, aber ineffektive Systeme gesetzt haben. Langfristig profitieren jedoch alle: Die Meeresumwelt wird geschützt, die Schifffahrt nachhaltiger, und europäische Hersteller von Abwasseranlagen erhalten faire Wettbewerbsbedingungen. Bislang hatten sie oft das Nachsehen gegenüber Anbietern, die billige aber kaum praxistaugliche Technik geliefert haben. Jetzt gelten gleiche Standards für alle. Die größte Herausforderung bleibt die konsequente Umsetzung und Kontrolle, welche eine internationale Zusammenarbeit und das Engagement der Flaggenstaaten erfordern. Gleichzeitig muss die Technologie weiterentwickelt werden, um effizientere und nachhaltigere Lösungen für die Abwasserbehandlung auf See zu finden. Nur gemeinsam kann die maritime Branche langfristig saubere Ozeane sichern. Wenn wir realistische und praxistaugliche Vorschriften schaffen, wird sich die Situation spürbar verbessern. Die Überarbeitung der MARPOL-Regularien ist ein entscheidender Schritt, um die Meere nachhaltig zu schützen.