Julien Boulland

IM GESPRÄCH MIT…
 
Julien Boulland
Head of Sustainable Strategy & Coordinator Future Shipping Team, Bureau Veritas M&O 

Dekarbonisierung ohne Fahrplan

Die maritime Energiewende schreitet voran, doch klare globale Leitplanken fehlen weiterhin. Gleichzeitig steigt der Druck, kurzfristig Effizienz zu verbessern und langfristige Weichen richtig zu stellen. Wie sich die Branche in diesem Spannungsfeld orientieren kann und welche Faktoren für verlässliche Entscheidungen entscheidend sind, erläutert Julien Boulland, Head of Sustainable Strategy & Future Shipping Team bei Bureau Veritas Marine & Offshore.

Herr Boulland, trotz der ausstehenden IMO-Entscheidung müssen viele Reeder kurzfristig handlungsfähig bleiben. Welche Maßnahmen lassen sich in den kommenden zwei bis drei Jahren verlässlich umsetzen?

Julien Boulland: Der stärkste Hebel ist derzeit die Optimierung der Energieeffizienz. Das ist der Bereich, den Reeder unmittelbar beeinflussen können – unabhängig davon, welche Kraftstoffe künftig genutzt werden. Dazu gehören technische Maßnahmen wie optimierte Rumpf- und Propellerdesigns, effizientere Antriebe sowie neuerdings auch aerodynamische Anpassungen wie Fairings, also Verkleidungen an Containerstapeln. Auch operative Hebel wirken schnell: Geschwindigkeits- und Routenoptimierung oder kürzere Wartezeiten vor Häfen reduzieren den Energiebedarf.

Wo sehen Sie aktuell die größten Engpässe auf dem Weg der Dekarbonisierung?

Boulland: Einer der größten Flaschenhälse ist die fehlende Klarheit im globalen regulatorischen Rahmen. Dass das Net-Zero-Framework der IMO vertagt wurde, verunsichert sowohl Anbieter neuer Technologien und Kraftstoffe als auch Reeder, weil Investitionen so nur schwer planbar sind. Parallel entsteht ein fragmentiertes Umfeld: Viele Länder entwickeln eigene Regelwerke für Schifffahrtsemissionen, was die Planungssicherheit weiter verringert. Hinzu kommt die stark kleinteilige Struktur der Branche. Weltweit gibt es rund 10.000 Reeder mit durchschnittlich drei bis vier Schiffen. Diese Unternehmen haben viel geringere Möglichkeiten, langfristige Kraftstoffvereinbarungen zu sichern – das bremst die gesamte Transformation.

Welche Impulse braucht es, um Investitionen in klimafreundliche Technologien und Kraftstoffe in diesem Marktumfeld zu beschleunigen?

Boulland: Entscheidend wären klare internationale Vorgaben, an denen sich Reeder und Technologieanbieter langfristig orientieren können. Ohne diese ist schwer abzuschätzen, in welchen Größenordnungen künftig Nachfrage entsteht und unter welchen Bedingungen sich Investitionen rechnen. Das betrifft sowohl alternative Kraftstoffe als auch Technologien wie windbasierte Assistenzsysteme, die heute je nach Route und Betriebsprofil bereits bis zu zehn Prozent CO einsparen können. Diese Hersteller berichten, dass unklare Rahmenbedingungen die Nachfrage spürbar bremsen. Das zeigt, wie verlässliche Vorgaben und Regularien die Geschwindigkeit der Dekarbonisierung beeinflussen.

Mit der technologischen Entwicklung treten auch neue Akteure auf den Plan. Welche Branchen gewinnen dadurch an Bedeutung? 

Boulland: Neben Energieproduzenten und Power-to-X-Entwicklern rücken zunehmend Unternehmen in den Fokus, die neue Technologien und Lösungen für alternative Energieträger bereitstellen. Ein besonders greifbares Beispiel ist die Nuklearindustrie, die bislang kaum Berührungspunkte mit der maritimen Industrie hatte. Bureau Veritas arbeitet hier eng mit Expertinnen und Experten zusammen und steht im Austausch mit der International Atomic Energy Agency (IAEA). Dabei geht es nicht nur um technologische Konzepte, sondern auch darum, das notwendige Fachwissen aufzubauen, um Aspekte wie Sicherheit, Regulierung und Verantwortlichkeit fundiert bewerten zu können.

Wie unterstützt Bureau Veritas Reeder und Werften in dieser komplexen Lage?

Dafür hat Bureau Veritas das Future Shipping Team aufgebaut. Rund 300 Kolleginnen und Kollegen bringen in zwölf Arbeitsgruppen technisches, regulatorisches und sicherheitsrelevantes Know-how aus allen Regionen zusammen. Unsere Aufgabe ist es, neue Entwicklungen frühzeitig einzuordnen und Erfahrungen innerhalb des Unternehmens zu teilen, um unser Wissen und unsere Expertise gezielt auszubauen. So sind wir besser darauf vorbereitet, auf zukünftige Anforderungen zu reagieren. Dieses vernetzte Vorgehen wird immer wichtiger, weil viele Entscheidungen heute ganze Flotten betreffen und stark von Infrastruktur, Versorgungsketten und regionalen Rahmenbedingungen abhängen. Wir unterstützen unsere Kunden dabei, diese Zusammenhänge zu verstehen und tragfähige Entscheidungen vorzubereiten.