IM GESPRÄCH MIT …
Katja Baumann, Geschäftsführerin der MARIKO GmbH
„Ferry Go!“: Autonome Systeme für Fähren im Wattenmeer
Im Frühling dieses Jahres hat das deutsch-niederländische Projekt „Ferry Go!“ Kurs auf die Entwicklung autonomer Systeme im Fährverkehr genommen. Das Projekt gilt als wegweisend in der Schifffahrt und lenkt die globale Aufmerksamkeit auf das deutsch-niederländische Wattenmeer. Die wandernden Sandbänke, die komplexen Strömungsverhältnisse und Windgegebenheiten sowie stark frequentierten Fahrrinnen machen es zu einem anspruchsvollen Testfeld für jede neue Technologie. Wenn der Einsatz autonomer Systeme in diesem dynamischen Gezeitengebiet möglich ist, werden sich die Erkenntnisse auf Fahrgebiete weltweit übertragen lassen.
Unter der Federführung der MARIKO GmbH in Leer wird „Ferry Go!“ als grenzübergreifendes Gemeinschaftsprojekt mit neun Partnern durchgeführt. Bureau Veritas Marine & Offshore ist als assoziierter Partner und Experte für Regulatorik, Zertifizierungen und Sicherheit mit an Bord dieses visionären Unterfangens – und agiert als Brückenbauer zwischen den vielseitigen Playern der Branche.
Doch was genau bedeutet autonomes Fahren eigentlich in der Mitte der 2020er Jahre? Ersetzt diese Technologie den Menschen vollständig oder verschiebt sie nur seine Aufgaben? Und welche Rolle spielt dabei die Künstliche Intelligenz? Katja Baumann, Geschäftsführerin der MARIKO GmbH, gibt Einblicke in ein zukunftsweisendes Projekt.
Autonome Systeme in der Schifffahrt sind nicht mehr nur Vision, sondern Realität. Welche Bedeutung messen Sie autonomen Systemen in der Schifffahrt bei? Und wird der Mensch dadurch überflüssig?
Katja Baumann: Keineswegs! Viele Aufgabenfelder des Personals an Bord werden sich weiterentwickeln, doch die Schifffahrt benötigt weiterhin Menschen. Es geht nicht um Fähren ohne Kapitän und Steuermann, sondern um Technologien, die die Crew zunehmend darin unterstützen werden, ihre Fahrten effizient und zuverlässig durch die Fahrgebiete wie das komplexe Wattenmeer zu navigieren. Das Ziel des Projektes „Ferry Go!“ ist in erster Linie ein Mehr an Sicherheit und Effizienz, womit auch eine verbesserte ökologische Nachhaltigkeit einhergeht.
Wie kommt dabei künstliche Intelligenz ins Spiel?
Baumann: KI-Technologien, mit denen wir die zunehmende Komplexität der Schifffahrt meistern können, spielen auch in der autonomen Schifffahrt eine Schlüsselrolle, zum Beispiel in Bezug auf Kollisionsvermeidung, Sicherheit, effektive Routenplanung und Energieeffizienz. Überdies ermöglicht KI sehr genaue Analysen und Dokumentationen. Diese sind unverzichtbar, um die regulatorischen Vorgaben wie jene der International Maritime Organization (IMO) zu erfüllen.
KI-Komponenten werden in den Steuerungssystemen des Testschiffes „Sally“ längst eingesetzt, das das Deutsche Zentrum für Luftfahrt (DLR) zur Verfügung stellt. Dieses DLR-Testschiff „Sally“ nutzt die Daten von zwei Fähren in der Region, um Manöver zu simulieren und Schiffs-Autonomie zu testen. Der Human-Faktor wird dabei keineswegs außer Acht gelassen. Im Gegenteil: Ein Schwerpunktthema des DLR ist die Frage, wie Menschen zusammen mit der Technik agieren. Das DLR untersucht auch die Mensch-Maschine-Interaktion, also wie Menschen auf neue Technologien reagieren. Dazu werden Beobachtungen und Vor-Ort-Besuche der Projektmitarbeiter durchgeführt, um Arbeitsprozesse zu analysieren und effizienter zu gestalten.
Welche Rolle spielt Bureau Veritas Marine & Offshore in dem Projekt?
Baumann: Bureau Veritas ist ein wichtiger Partner, den wir frühzeitig in unser Projekt „Ferry Go!“ mit eingebunden haben. Nur so können wir sicherstellen, dass alle Technologien und Designs den regulatorischen Vorgaben entsprechen. Reedereien stehen vor einer Flut innovativer Technologien und suchen Unterstützung im Hinblick auf die Anpassung ihrer Flotten und die Auswahl der Komponenten. Für sie ist ein intensiver Austausch mit objektiven Experten elementar. BV kann als unabhängiger Zertifizierer eine zukunftsorientierte Unterstützung bieten bei aktuellen Schlüsselthemen wie moderner Technologie, schiffsbaulichen Anforderungen und Sicherheitsaspekten – insbesondere Cybersicherheit, die heute relevanter denn je ist.
Ein erfahrenes Klassifizierungsunternehmen wie BV sorgt mit Know-how und objektivem Überblick über die Technologieanbieter für die bestmögliche Absicherung, um nicht angreifbar zu werden, klärt auf und gibt Sicherheit und Orientierung. BV kann als wertvoller Brückenbauer zwischen den einzelnen Stakeholdern dienen.
Inwiefern sind die Erkenntnisse von „Ferry Go!“ für die globale Schifffahrt relevant?
Baumann: Das Wattenmeer ist ein einzigartiges, hochdynamisches Navigationsgebiet mit ständig wechselnden Bedingungen. Wenn autonomes Fahren hier funktioniert, wird sie dies überall tun. Das nehmen Experten weltweit bereits wahr. „Ferry Go!“ erhält enorme Resonanz aus dem Ausland. Sogar Kontakte in die USA melden Interesse an dem Thema an - das hatten wir noch bei keinem der bisherigen Projekte. Es hat das Potenzial, weltweit Maßstäbe für die maritime Zukunft zu setzen.
Wie sehen Sie die Innovationskultur in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern bei der Entwicklung des autonomen Fahrens in der Schifffahrt?
Baumann: In Deutschland gibt es noch viel Potenzial, die „Learning by Doing“-Mentalität stärker zu etablieren, wie sie beispielsweise in den Niederlanden deutlich besser ausgeprägt ist. Während wir hier oft abwarten, bis regulatorische Vorgaben einen Leidensdruck zum Handeln erzeugen und etablierte Produkte auf dem Markt sind, sehen wir in anderen Ländern eine größere Offenheit für das Ausprobieren und Experimentieren sowie eine innovationsorientierte „Fehlerkultur“. Das gilt auch für zukunftsweisende Technologien wie autonome Systeme und alternative Antriebssysteme bzw. Kraftstoffe in der Schifffahrt. Mit einer innovationsfreundlichen Politik, internationaler Zusammenarbeit und gebündeltem Know-how kann Deutschland in diesem Bereich eine führende Rolle einnehmen.